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TIPPS VON FACHLEUTEN
IHK-Gespräch: Fragen zur Mittelstandsfinanzierung mit regionalen Bankenvertretern diskutiert
In einem Gespräch mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Vorstandes der Sparkasse Koblenz Matthias Nester, dem Mitglied des Vorstandes der Volksbank Koblenz Mittelrhein eG Walter Müller sowie dem Direktor und Mitglied der Geschäftsleitung Helmut Gehres von der Commerzbank Filiale in Koblenz, diskutierte stellvertretender Hauptgeschäftsführer Dr. Edelbert Dold über die Zukunft der Mittelstandsfinanzierung.
Wie bewerten Sie das aktuelle gesamtwirtschaftliche Umfeld in unserer Region?
NESTER: Die Region Koblenz zeigt sich aktuell in wirtschaftlich dynamischer Verfassung. Die Unternehmen sind verbessert ausgelastet und die Auftragsbücher sind in der Regel gut gefüllt. Einzelhandel, Tourismus und Gastronomie profitieren aktuell von der BUGA...
GEHRES: … und gerade die exportstarken Unternehmen, die 2008/09 besonders von der weltweiten Krise betroffen waren, haben eindrucksvoll wieder das vorherige Niveau erreicht. Trotzdem gibt es noch mehr als genug Herausforderungen: steigende Rohstoffpreise, gesicherte Energieversorgung zu vertretbaren Preisen, Fachkräftemangel und zusätzliche Belastungen von kommunaler Seite sprich Gewerbesteuern und Gebühren.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Kreditnachfrage? Gibt es vor dem Hintergrund der aktuellen Konjunktur, aber auch der anhaltenden Unsicherheit über die Zukunft des Euros, Verschiebungen hinsichtlich der nachgefragten Volumina oder der Fristigkeiten?
MÜLLER: Der solide Wachstumskurs der deutschen Wirtschaft spiegelt sich auch im Unternehmenskreditgeschäft der Banken wider. Insgesamt hat sich die konjunkturelle Erholung aber nur zögerlich auf den Kreditbestand ausgewirkt. Das hängt insbesondere damit zusammen, dass es den Unternehmen gelungen ist, sich stärker aus dem Cashflow zu finanzieren und damit unabhängiger von Bankfinanzierungen zu werden. Grundsätzlich erfolgt eine Nachfrage nach längeren Zinsbindungen, um das Zinsänderungsrisiko zu reduzieren.
NESTER: Die Investition in Unternehmen wird häufig im Kontext der aktuellen Diskussion als zunehmend sicher angesehen. Investitionsobjekte sind ja gerade Sachwerte wie Immobilien, Beteiligungen, Maschinen, Rohstoffe und Betriebs- und Geschäftsaustattungen.
Welche Schwerpunkte der Kreditnachfrage sehen Sie im aktuellen Tagesgeschäft? Investieren die Unternehmen hauptsächlich in Ersatzbeschaffungen und Betriebsmittel? Oder stehen Kapazitätserweiterungen oder sogar Modernisierungen im Fokus?
GEHRES: Der Schwerpunkt der aktuellen Kreditnachfrage liegt in den Bereichen Modernisierung und Ersatzbeschaffung. Aber auch Betriebs- und Kapazitätserweiterungen stehen seit Mitte letzten Jahres wieder stärker im Fokus...
MÜLLER: …aber auch der private Sektor hat aufgrund gestiegener Beschäftigung und Entlohnung sowohl im Konsumbereich als auch im Wohnungsbau verstärkt Kredite nachgefragt.
Die neuen Eigenkapitalregeln nach Basel III werden schrittweise bis 2019 das Kreditgeschäft verteuern. Ab wann erwarten Sie erste konkrete Auswirkungen auf das Kreditgeschäft mit dem regionalen Mittelstand?
MÜLLER: Neben den Leitzinserhöhungen könnten auch die neuen Eigenkapitalrichtlinien für Banken dafür sorgen, dass sich Kredite tendenziell verteuern. Hier ist leider noch nicht abzusehen, welche Zusatzkosten die höhere Unterlegung von Krediten mit Eigenkapital mit sich bringt.
NESTER: Viele Banken erfüllen die neuen Eigenkapitalanforderungen schon heute. Eine Verteuerung alleine aus Gründen höherer Kapitalunterlegung erwarte ich daher nicht.
GEHRES: Ich sehe keinen „big-bang“, sondern eher einen kontinuierlichen Prozess.Tendenziell wird es den Langfristkredit eher treffen als die klassische Betriebsmittellinie.
Rechnen Sie mit einer signifikanten Erhöhung der Kreditzinsen in Folge von Basel III? Oder werden wir eher eine verstärkte Risikoauswahl über das Kunden-Rating sehen?
NESTER: Die genauen Inhalte der mit Eigenkapital zu unterlegenden Risiken werden aktuell in Brüssel festgezurrt. Wir sind wachsam, weil dabei Themen wie Langfristkredit und Kreditnehmer-Einheiten zur Debatte stehen, die in der Tat nicht gravierend, aber tendenziell eine Verteuerung bedeuten könnten.
GEHRES: Dabei sind die Auswirkungen im Einzelfall je nach Kreditlaufzeit, Sicherheiten und Unternehmensbonität unterschiedlich. Inwieweit die noch nicht festgelegten Segmente von Basel III, sprich Verschuldungsobergrenze und geänderte Liquiditätsvorschriften, weitere Belastungen bringen, kann zurzeit seriös aber noch nicht gesagt werden.
Welche Möglichkeiten hat ein durchschnittlicher Mittelständler überhaupt, sein Rating positiv zu beeinflussen?
MÜLLER: Die Eigenkapitalquote und der Gewinn sind die zentralen und ausschlaggebenden Daten im Rating. Je intensiver sich der Unternehmer mit den Themen Unternehmensfinanzierung, Investition und Liquidität beschäftigt, desto besser kann er Entscheidungen treffen und langfristig besser wirtschaften, aber auch das Informationsverhalten und die Kontoführung spielen eine wichtige Rolle.
NESTER: Dabei ist entscheidend, wie das Management auf einen Finanzier eingeht, und eine Nachvollziehbarkeit der Planung ermöglicht. Je transparenter und plausibler Planungen erstellt werden, desto besser kann sich der Finanzier mit der spezifischen Unternehmenssituation vertraut machen und die Management-Qualität positiv beurteilen. Dies beginnt mit gegenseitigem Vertrauen und mit Offenheit.
GEHRES: Das Kundenrating richtet den Blick demnach nicht nur zurück, sondern blickt auch nach vorne. Hier geht es von der Unternehmensstrategie, den Planungen, der Analyse der Absatzmärkte, den Stärken und Schwächen im Vergleich zum Wettbewerb bis hin zur Personalstruktur, Nachfolgefragen und vielem mehr.
Basel III sieht aktuell keine Sonderregelungen für Mittelstandskredite vor – obwohl diese kleineren Kredite eine geringere durchschnittliche Ausfallrate ausweisen. Auch sollen Förderkredite wie reguläre Kredite bewertet werden. Macht das Sinn?
MÜLLER: Sinn macht das nicht. Wichtig ist, dass die derzeit bestehenden Anrechnungserleichterungen weiter ausgebaut werden. Anrechnungserleichterungen gelten bei der Finanzierung von kleinen und mittleren Unternehmen, von deren Vorhaben kein gesamtwirtschaftliches Risiko ausgeht. Von den Banken müssen solche Kredite derzeit statt mit 8 Prozent nur mit 6 Prozent Eigenkapital unterlegt werden. Für den Mittelstand wird entscheidend sein, wie sich diese Ermäßigung verändert, wenn die Anforderungen insgesamt angehoben werden.
Bundesfinanzminister Schäuble gilt als Freund einer Bankenabgabe zur Bildung eines Rettungsfonds für inländische Geldinstitute. Würde dieses Instrument eine zusätzliche Belastung der Kreditvergabespielräume der Banken bedeuten und sich auf die Mittelstandsfinanzierung auswirken?
MÜLLER: Wir halten von einer Bankenabgabe zur Bildung eines Rettungsfonds für inländische Banken nichts. Eine staatlich verordnete zusätzliche Bankenabgabe würde einerseits möglicherweise die Kreditvergabespielräume einschränken und andererseits Banken stützen, die jetzt schon nur durch staatliche Hilfe lebensfähig sind. Das würde eine zusätzliche Wettbewerbsverzerrung bedeuten.
GEHRES: Nach Berechnungen der Deutschen Bundesbank wird die deutsche Kreditwirtschaft etwa einen Betrag von 50 Mrd. Euro benötigen, um die künftigen Eigenkapitalanforderungen nach Basel III voll zu erfüllen. Zum einen muss ein Teil dieser Summe aus einbehaltenen Gewinnen aufgebaut werden, zum anderen brauchen wir eine entsprechende Ertragslage, um am Kapitalmarkt zusätzliches Eigenkapital zu beschaffen. Die Konsequenz: entweder gelingt es der Kreditwirtschaft, diese Zusatzkosten am Mark zu verdienen oder aber die Eigenkapitalbasis wächst langsamer, was dann unweigerlich die Möglichkeiten der Kreditvergabe begrenzt.
Der ehemalige Wirtschaftsminister Rainer Brüderle ist der Meinung, Gründer und Investoren sollten auch unmittelbar Anträge bei der KfW und anderen Geldgebern stellen können. Das würde das Geschäft beleben und unnötigen Sand aus dem Getriebe nehmen. Wie ist ihre Meinung als regionaler Bankleiter?
NESTER: Im Mittelstand ist die persönliche Kenntnis der handelnden Personen, die Bewertung von Ideen und die Kenntnis von Produkten und Märkten entscheidend. Ich glaube, ein überdurchschnittliches, erfolgreiches Gründungswesen profitiert von der Arbeitsteilung zwischen zentralem Förderangebot und lokaler Bewertung und Begleitung.
MÜLLER: Die KfW ist derzeit weder strukturell noch personell dafür eingerichtet, Kreditanträge selbst zu bearbeiten. Zudem hat sich das derzeitige Hausbanksystem über Jahrzehnte bewährt.
GEHRES: KfW oder ISB sind bereit, Teile des Kreditrisikos zu übernehmen oder sich mit einer Ausfallbürgschaft an einer Finanzierung zu beteiligen, wenn ein Kreditinstitut als Hausbank bereit ist, ebenfalls eine maßgebliche eigene Risikoquote zu übernehmen. Dadurch können sich die Förderbanken auf die Prüfung der Fälle konzentrieren, die bei uns schon positiv beurteilt wurden.
NESTER: Außerdem haben andere Länder bisher mit zentralistischeren Ansätzen keinen Beweis geliefert, dass es besser läuft, wenn zentrale Förderbanken direkt bewilligen. Bei manchem Antrag ist es erforderlich, nachzuarbeiten. Und dann ist eine interessierte Hausbank für Mittelständler und Neugründer häufig eine echte Hilfe.
Welche Zinsentwicklung ist in den nächsten drei Jahren zu erwarten?
GEHRES: Aussagen zur weiteren Zinsentwicklung sind schwierig. Wir haben einerseits ungelöste Schuldenprobleme sowohl in Europa als auch in den USA. Zum anderen einen mit Liquidität überversorgten Geldmarkt und ein aktuelles Zinsniveau, welches der wiedererlangten Wirtschaftskraft nicht mehr gerecht wird, also real betrachtet zu niedrig ist. Die Märkte sind zurzeit sehr nervös und reagieren entsprechend. Wer sicher gehen will, sollte daher seine Zinsrisiken zumindest begrenzen. Hier gibt es eine Vielzahl von Absicherungsmöglichkeiten, die jedoch im konkreten Einzelfall auszuwählen sind.
Wie kann der Unternehmer sein Risiko bei der langfristigen Finanzierung von Betriebsanlagen minimieren?
NESTER: Ein modularer Aufbau, eine flexible, an der Nutzungsdauer orientierte Finanzierungsstruktur und ein Kreditinstitut, das bei Bedarf einen Kapitaldienst auch einmal einer Risikosituation entsprechend anpasst, sind sicher Elemente solcher Überlegungen.
MÜLLER: Im Vorfeld über eine ausreichende Planung der Investition. Eine optimale Finanzierungsform mit Zinsbindung, angepasst an die Nutzungsdauer der Anlage, einen ausreichenden Versicherungsschutz. Und natürlich Minimierung der sonstigen Unternehmensrisiken.
GEHRES: Auch ich empfehle für die Zukunft eine Kombination aus zinsgünstigen öffentlichen Förderkrediten mit langer Laufzeit und fester Zinsbindung und kurzfristigen Barkreditlinien mit variablen Inanspruchnahmemöglichkeiten, allerdings im Zinsbereich in Kombination mit einer Zinsabsicherung.
DOKUMENT-NR. 104531
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